Alarm – die Flyer sind da!

04 Jul 2017

Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere Drucksachen im Internet bestellt und mit einem Paketdienst geliefert werden. Das geht ratzfatz und kostet wirklich nur kleines Geld. Aber woran ich mich nicht gewöhnen kann, ist diese lausige Qualität, die viele Internetdrucker immer wieder abliefern. Ist das wirklich noch günstig? Ich glaube nicht.

Wie alle Kollegen und Wettbewerber kaufen auch wir bei Internetdruckern ein. Schaut man auf das Preisgefüge, so steht schnell fest: Printprodukte haben die Niedrigpreiszone erreicht - die ehemals extrem teuren Drucksachen werden tonnenweise verramscht. Geht das gut?

Die Branche arbeitet dabei mit Portalen, die eine Auftragserfassung weitestgehend automatisieren. Vereinheitlichte Standards für Farbverwaltung und Druckdaten sind auf fast allen Sytemen vorhanden. Die personellen Einsparungen und standardisierten Workflows ermöglichen zusammen mit den Massenbestellungen diese günstigen Preise.

Nun gut, der Preis ist heiss. Aber die Masse drückt, und so wird vieles – wenn nicht alles – mit sehr heisser Nadel gestrickt. Da fängt eben manchmal die Wolle Feuer – und das stinkt dann gewaltig. Muss das sein?

Die Relation Lieferzeit - Qualität liefert dabei nicht die Erklärung für die vielen Patzer, die sich die Internetdrucker derzeit leisten. Denn die Express- und Overnight-Bestellungen lassen sich die Druckportale bezahlen, und gefühlt sind die Qualitätsschwankungen bei sehr schnellen Lieferungen geringer. Könnte das daran liegen, dass dafür die besseren Drucker gebucht werden?

Wir haben in den letzten Wochen und Monaten einiges drucken lassen - und nichts davon war fehlerfrei. Die Branche argumentiert mit einem zu akzeptierenden Delta-E von 3.5. Das bezieht sich auf Farbwerte und bezeichnet einen sichtbaren Farbunterschied zur theoretischen perfekten Farbreproduktion. Ok, damit kann ich auch leben, wenn nicht alle Farbwerte betroffen sind. Denn ich weiss, ich kaufe beim Internetdrucker, 100% gibt es hier nicht.

Abgesehen davon, dass auch die weltbesten Drucker diesen eher hypothetischen Wert wegen Schwankungen bei Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur nicht erreichen würden, versinkt die Schar der Internetdrucker regelrecht in Makulatur.

Über die konstante Erreichung akzeptabler Druckerzeugnisse mit kleinen Farbabweichungen zu tollen Preisen brauchen wir nicht mehr zu reden, selbst das ist Glückssache geworden.

Qualität ist Glückssache

4 sorten gruenDas war auch schon mal anders. Wir als Profis liefern PDF-Druckdaten nach absoluten Standards. Wir nutzen linearisierte Monitore und Proofer und investieren Geld in fehlerfreie, erstklassige Druckvorlagen. Theoretisch könnte man damit sensationell gute Ergebnisse erreichen. Den Beweis dafür liefern vereinzelte gute Chargen der Internetdruckerzeugnisse – es ist also nicht unmöglich. Hier sehen Sie jedoch den Beleg für das Gegenteil, fünf Grünabstufungen der exakt gleichen technischen Farbe in einer Charge Broschüren, Auflage 1.000 Stück, vier Exemplare von oben gegriffen.

Heute zermalmen diese Anbieter eine ganze Industrie und zahllose kleine Anbieter durch Dumpingpreise. Und mittlerweile sich selbst durch miese Qualität, aber diese Erkenntnis ist noch nicht in den Chefetagen der Branche angekommen.

Warum auch, denn in den Bewertungsdiensten werden drei Punkte abgefragt: Wie schnell wurde geliefert, wie gut war der Service, wie gut war das Produkt? Selbst wenn das Produkt ungenügend ist und vom Profi nur einen Stern bekommt, so muss man, wenn man ehrlich ist, für die schnelle Lieferung und das perfekte Roboter-Backend jeweils 5 Sterne geben. Der Laie winkt die Drucksache vielleicht noch mit 3 Sternen durch, was dann einen Sternedurchschnitt von 4,3 Sternen für die Laienbewertung ergibt. Und immer noch 3,6 Sterne für die Profibewertung. Macht im Schnitt 4 Sterne. Wo ist das Problem, höre ich den Geschäftsführer sagen, bei diesem Preis?

Wir blamieren uns beim Kunden, nicht die.

Für Profis besteht die größte Gefahr darin, direkt an den Kunden liefern zu lassen. Das hat sich ja so eingebürgert, weils so schnell geht. Und weils so bequem ist. Was die Kunden dann auspacken müssen, ist teils erbärmlich. Aber die als Laien sagen sich: Ist halt so. Und reklamieren nicht.

Das bedeutet, dass wir Top-Layouts mit Druckdaten nach Industriestandards erstellen, aber unsere Kunden erhalten Ramsch-Druck. Erst fiel uns das gar nicht so auf, aber nach einem peinlichen Aha-Erlebnis bei einem Kundenbesuch haben wir beschlossen, nur noch direkt zu liefern, wenn der Kunde uns auch sofort ein paar Muster zukommen lässt. Das war für uns ernüchternd und mündete in eine Welle von Reklamationen und Neudrucken.

Ich mache es kurz an dieser Stelle: Auch die Nachlieferungen waren schlecht. Die Standards in diesem Dienstleistungssektor sind fragwürdig, denn egal wie pfeilschnell geliefert wurde und wie geil das Kundenbackend aussieht und interagiert – die Drucke sind gerade mal ok bis mies. Meist mies.

Ich bin dazu übergegangen, für schlechte Druckerzeugnisse durchgehend nur noch einen Stern zu vergeben. Denn wir müssen uns beim Kunden dafür entschuldigen, und den damit verbunden Vertrauensverlust werte ich als miesen Service, die Nachlieferung als verpatzten Termin. 

Was ist die Konsequenz?

Für uns bedeutet das, dass wir ausser Overnights nichts mehr direkt liefern lassen. Und für unsere Kunden bedeutet das eine Lieferzeit von etwa zwei bis vier Wochen. Die Entscheidung für einen Internetdrucker treffen wir zusammen mit dem Kunden und weisen auf die Unwägbarkeiten der Lieferzeiten hin.

Wenn's aber was richtig Gutes sein soll, mit sauberen Schnittkanten, exakter Stanze, stabilen Farben, klasse Papier, toller Haptik, richtiger Laufrichtung und erstklassiger Anmutung, dann votiere ich für einen Top-Drucker, der mehr Zeit für bessere Qualität investieren kann. Und mache eine persönliche Druckabnahme. Das kostet zwar mehr Geld, aber das muss man eben im Budget freischaufeln, wenn man es richtig gut haben will.

Hier wird aber auch klar, weshalb die Preispolitik der Internetdrucker eine konstant gute Qualität nahezu unmöglich macht. Vereinzelte gute Ergebnisse können ebenso wenig wie die vielen guten Laienbewertungen oder das vollmundige Marketing darüber hinweg täuschen, dass diese Unternehmen mit professionellen Ansprüchen öfter mal überfordert sind.

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